Die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft – Der Tod ist reine Gewöhnungssache

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Das neue Ausbildungsjahr beginnt, und noch immer sind viele Firmen auf der Suche nach Auszubildenden – und umgekehrt. Eine Chance und einen Perspektivwechsel bieten ungewöhnliche Ausbildungsberufe. Zu Besuch in einem Bestattungsinstitut in Stuttgart.
Stuttgart – Die Tür zur Totenwelt ist mit zwei dicken Metallhebeln verschlossen. Es ist kalt in dieser Welt. Zwei Verstorbene liegen aufgebahrt in dem kargen, weiß gefliesten Raum, mit seligem Gesichtsausdruck und gefalteten Händen. Schlecht riecht er nicht, der Tod – eher ein bisschen süßlich. Robin Werz scheint das alles kaum zu bemerken. Er tritt ans Totenbett einer alten Dame, zieht sich ein paar Gummihandschuhe über und schiebt die Bahre durch die Alutüre hinaus in den Vorbereitungsraum. „Der Tod ist doch etwas ganz Normales“, sagt Robin Werz und lächelt ein wenig. Der 18-Jährige beginnt in diesem Sommer seine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft beim Bestattungshaus Ramsaier in Stuttgart-Vaihingen. Nicht gerade ein gewöhnlicher Ausbildungsberuf, aber Werz sieht eigentlich ganz normal aus. Nicht wie ein düsterer, trübsinniger Totengräber aus dem Fernsehen, sondern aufgeschlossen und freundlich. „Ich bin in den Beruf hineingeboren“, sagt Werz. Sein Vater führt bei Reutlingen ein eigenes Bestattungsunternehmen – der Tod saß also schon beim Abendessen mit am Familientisch. „Gewöhnungssache“, nennt Werz das, weil er schon seit zwei Jahren immer mal mithilft. Und trotzdem waren viele Menschen aus seinem Umfeld überrascht, als Werz sich nach dem Realschulabschluss in diesem Sommer für die Ausbildung entschied.

Der Bestatter-Beruf liegt im Trend: Immer mehr junge Leute beginnen Ausbildung

„Der Beruf des Bestatters kämpft gegen ein völlig falsches Bild an“, sagt Helmut Ramsaier, Geschäftsführer des Bestattungsunternehmens mit Sitz in Stuttgart-Vaihingen und Degerloch. Er steht neben der starren Dame im Sarg, zupft ein bisschen an ihrer Bluse herum und steckt ihr ein Kreuz in die gefalteten Hände. Jeder Handgriff ist behutsam und sachlich zugleich. Seit 1977 arbeitet Ramsaier als Bestatter, schon in dritter Generation. „Anerkennung erfährt man in dem Beruf nur von denen, die unsere Dienste bereits in Anspruch genommen haben“, sagt Ramsaier. Wer mit dem Tod noch nicht konfrontiert wurde, will auch mit Bestattern lieber nichts zu tun haben.

Doch bei jungen Leuten liegt der Beruf im Trend, von Jahr zu Jahr gibt es immer mehr Auszubildende. Bundesweit machen 426 junge Menschen derzeit die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft, in Baden-Württemberg sind es 49 Auszubildende. Was macht den Beruf so attraktiv? Immerhin, der Bereich ist krisensicher, weil es immer mehr alte Menschen gibt. Und abwechslungsreich: „Er erfordert handwerkliches Geschick ebenso wie Einfühlungsvermögen im Umgang mit Angehörigen, Kreativität, Organisationstalent und medizinische Grundkenntnisse“, sagt Rosina Eckert vom Ausbildungszentrum für Bestatter im unterfränkischen Münnerstadt. Neben regelmäßigen schulischen Blöcken lernen die Auszubildende hier einmal im Jahr wie man Gräber aushebt, Särge einrichtet und rechtliche Fragen klärt.

„Den Beruf kann nur jemand ausüben, der stabil ist und Sicherheit ausstrahlt“, sagt der Bestatter Ramsaier. Seine Auszubildenden sucht er sich nach sozialer Kompetenz und Einfühlungsvermögen aus. Denn das Handwerk um den Tod hat nicht nur mit Toten zu tun, sondern vor allem mit Lebenden – mit den Hinterbliebenen. „Vom Abwickler werden wir immer mehr zum Berater“, sagt Ramsaier. Weil weniger Menschen religiös leben, sind häufig nicht mehr die Kirchen nach dem Tod zur Stelle, sondern die Bestatter. Und dann ist da noch die „Vereinsamung in der Gesellschaft“, wie Ramsaier sagt. „Die Gespräche mit Angehörigen werden anspruchsvoller.“

Langer Weg vom Tod bis ins Grab: Bestatter sind auch Organisationstalente

Für Robin Werz ist genau dies ein Aspekt, der den Beruf interessant macht. „Ich mag es, die Hinterbliebenen zu unterstützen. Wenn eine Bestattung ehrenwert organisiert ist, dann bedeutet das für die Angehörigen sehr viel“, sagt er. Trauergespräche zu führen und eine Trauerfeier zu organisieren sind aber nur zwei Aspekte des Berufes – vom Tod bis ins Grab ist es ein weiter Weg.

Stirbt jemand, rücken die Bestattungsfachkräfte mit ihrem dunklen Wagen aus, oft mitten in der Nacht. Der Tod kommt schließlich nicht nach Terminplan. Im Bestattungshaus werden die Verstorbenen gewaschen, desinfiziert und frisiert. Körperöffnungen werden mit Watte verschlossen, die Augen mit einem Klebestoff verschlossen und die Toten geschminkt. Zwischendurch gilt es, jede Menge Formulare zu bearbeiten.

Robin Werz schreckt das alles nicht ab – nicht die Kälte der Toten, nicht die Bereitschaft auf Abruf, nicht der Umgang mit schweren Schicksalen. „Natürlich muss man da auch mal schlucken“, sagt Werz. „Zum Beispiel, wenn ein Kind stirbt oder bei Selbstmord.“ Mit der Zeit lerne man aber, das als naturgegeben anzuerkennen. Dabei helfe ihm auch sein christlicher Glaube, sagt Werz. Irgendwann ist der Umgang mit dem Tod eben einfach ein Beruf. Der junge Mann greift noch einmal kurz die wächserne Hand der Dame im Sarg. Sie wird am kommenden Tag nach Eritrea überführt, in ihre Heimat. Werz streift seine Handschuhe ab und schiebt die Bahre zurück in den Kühlraum. Der nächste Todesfall kommt bestimmt.

Den Bericht von den Stuttgarter Nachrichten finden Sie hier.